Warum du dich während der Muttertät so orientierungslos fühlst und was mit deiner Identität passiert

Viele Frauen fühlen sich während der Schwangerschaft oder nach der Geburt emotional aufgewühlt, verloren oder innerlich zerrissen.
Vielleicht fragst du dich, warum du plötzlich so empfindlich bist.
Warum du an dir zweifelst.
Warum sich alles so fremd anfühlt, obwohl du dich doch auf dein Kind gefreut hast.
Die Antwort lautet: Mit dir stimmt nichts nicht.
Du befindest dich mitten in der Muttertät, einer der größten Entwicklungsphasen deines Lebens.
Was während der Muttertät im Gehirn passiert
Während der Schwangerschaft verändert sich dein Gehirn in erstaunlich kurzer Zeit.
Es bereitet sich auf eine völlig neue Aufgabe vor: Fürsorge.
Bestimmte Hirnareale spezialisieren sich darauf, die Bedürfnisse deines Kindes wahrzunehmen und auf sie reagieren zu können.
Dein Gehirn richtet seinen Fokus auf das, was jetzt am wichtigsten ist, dein Baby.
Gleichzeitig berichten viele Frauen davon, plötzlich vergesslicher zu sein.
Die sogenannte „Schwangerschaftsdemenz“ ist kein Zeichen dafür, dass mit dir etwas nicht stimmt. Sie hängt mit den Veränderungen im Gehirn zusammen.
Erinnerungen und Informationen, die vorher im Vordergrund standen, rücken zeitweise in den Hintergrund, während neue Prioritäten entstehen.
Diese schnellen Veränderungen können verunsichern.
Warum sich deine Identität plötzlich so fremd anfühlt
Die Orientierungslosigkeit vieler Mütter entsteht nicht zufällig.
Dein Gehirn richtet sich bereits auf dein Baby und deine neue Rolle aus.
Gleichzeitig sind viele Anteile deiner bisherigen Identität noch präsent.
Du erinnerst dich an die Frau, die du vor der Schwangerschaft warst.
An deinen Alltag.
An deine Freiheiten.
An deine Hobbys.
An deinen Beruf.
Du befindest dich gewissermaßen zwischen zwei Welten.
Du bist nicht mehr ausschließlich die Frau, die du einmal warst.
Aber du bist auch noch nicht vollständig in deiner neuen Rolle als Mutter angekommen.
Genau diese Übergangsphase kann sich anfühlen, als würdest du den Boden unter den Füßen verlieren.
Auch deine Gefühle verändern sich
Nicht nur dein Gehirn verändert sich.
Auch deine Gefühlswelt wird neu sortiert.
Viele Frauen erleben ihre Emotionen intensiver als zuvor.
Mitgefühl wird stärker.
Das Leid anderer Menschen lässt sich oft schwerer ertragen.
Sorgen und Ängste nehmen zu.
Freude, Liebe, Unsicherheit, Überforderung und Verzweiflung können sich innerhalb kurzer Zeit abwechseln.
Diese gegensätzlichen Gefühle sind für viele Mütter ungewohnt und tragen zusätzlich dazu bei, dass sie sich emotional aus dem Gleichgewicht fühlen.
Der Mythos vom Mutterinstinkt
Zu all diesen Veränderungen kommen noch die Erwartungen unserer Gesellschaft.
Noch immer hält sich die Vorstellung, eine Frau müsse automatisch wissen, wie Muttersein funktioniert.
Als gäbe es einen Schalter, der mit der Geburt umgelegt wird.
Doch Mutterschaft funktioniert nicht so.
Muttersein ist ein Prozess.
Fürsorge, Sicherheit und das Vertrauen in die eigene Rolle wachsen mit der Zeit, durch Erfahrung, Bindung und das gemeinsame Kennenlernen.
Auch du musst dein Kind erst kennenlernen.
Und gleichzeitig lernst du dich selbst noch einmal neu kennen.
Warum wir uns am Anfang so orientierungslos fühlen
Wir erwarten oft von uns, dass wir sofort wissen, wie Muttersein funktioniert.
Dass wir unser Kind verstehen.
Dass wir geduldig sind.
Dass wir alles im Griff haben.
Dabei vergessen wir etwas ganz Entscheidendes:
Wir befinden uns gerade mitten in einer der größten Veränderungen unseres Lebens.
Während wir unser Kind kennenlernen, verabschieden wir uns Stück für Stück von unserem alten Leben.
Von Gewohnheiten.
Von Freiheiten.
Von Teilen unserer bisherigen Identität.
Gleichzeitig entstehen neue Seiten in uns.
Hinzu kommen unzählige Veränderungen:
Dein Körper verändert sich.
Deine Partnerschaft verändert sich.
Dein Alltag verändert sich.
Deine Verantwortung verändert sich.
Du möchtest deinem Kind Liebe und Geborgenheit schenken und versuchst gleichzeitig, mit all deinen eigenen Veränderungen zurechtzukommen.
Kein Wunder also, dass sich viele Mütter irgendwann fragen:
„Wer bin ich eigentlich gerade?“
Orientierung entsteht durch Verständnis
Diese Frage bedeutet nicht, dass etwas mit dir nicht stimmt.
Sie zeigt vielmehr, dass du dich mitten in einem tiefgreifenden Entwicklungsprozess befindest.
Die Muttertät verändert nicht nur deinen Alltag.
Sie verändert auch deine Identität.
Und genau deshalb ist es so wichtig, diesen Prozess zu verstehen.
Je mehr du darüber weißt, desto liebevoller kannst du dir selbst begegnen.
Du musst nicht sofort alles können.
Du musst nicht sofort in deiner neuen Rolle ankommen.
Du darfst wachsen.
Du darfst dich orientieren.
Du darfst dich verändern.
Denn genauso wie dein Kind Schritt für Schritt heranwächst, wächst auch die Mutter in dir.
Und vielleicht ist genau das die wichtigste Erkenntnis:
Du bist nicht orientierungslos, weil du versagst.
Du bist orientierungslos, weil du dich gerade neu findest.






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